Aktuell / 14.02.2012

Leibniz Universität entwickelt neue Forschungsinitiative

Prof. Dr.-Ing. Axel Mertens leitet das Institut für Antriebssysteme und Leistungselektronik. Prof. Dr.-Ing. Jörg R. Seume leitet das Institut für Turbomaschinen und Fluid-Dynamik. Bild: Leibniz Universität Hannover

Professor Axel Mertens ist Sprecher der „Forschungsinitiative Energie 2050 - Transformation des Energiesystems“, in der sich an der Leibniz Universität Hannover mehr als 40 Institute zusammengeschlossen haben. Die gehen vor allem der Frage nach, wie der Übergang zu einer zukünftigen nachhaltigen Energieversorgung gestaltet werden kann. Im Interview mit KraftwerkForschung.info am Rande der ersten Energiemesse erklärt Mertens die Ziele der Initiative. Ihm zur Seite steht mit Professor Jörg Seume ein Experte für Turbomaschinen, der unter anderem die Dynamik von Dampfkraftwerken erforscht.

 

KraftwerkForschung.info: Bis April 2011 wollen Sie Ihre Forschungsinitiative „Energie 2050“ mit einer Geschäftsstelle samt Geschäftsführer ausstatten und besser über die Energieforschung in Hannover informieren. Ist das Ihre Antwort auf das Energiekonzept der Bundesregierung vom Herbst 2010?

 

Mertens: Wir wollen gerne Vorarbeiten für Entscheidungen der Politik liefern. Aber es gibt an der Leibniz Universität schon länger erfolgreiche Kooperationen zu den einzelnen Sparten. In der Elektrischen Energietechnik stehen wir im Bundesvergleich mit vorne. Ganz vorn sind wir auch mit  ForWind und IWES als Zentrum für Windenergieforschung. Auch zur Solar- und Bioenergie hat Hannover sehr viel zu bieten. Daher wollen wir unsere Kompetenzen jetzt bündeln, denn das Thema der Energieversorgung und wie wir sie transformieren, hat nicht nur technische, sondern auch ökonomische, ökologische und gesellschaftswissenschaftliche Aspekte. Deswegen planen wir für 2011 eine Ringvorlesung zum Thema „Transformation“, die viele weiße Flecken auf der Landkarte der Energieforschung berühren soll: Änderungsprozesse werfen auch juristische und psychologische Fragen auf, die wir beantworten müssen. Wichtiges Beispiel: die öffentliche Akzeptanz von Technologien.

 

Seume: Wenn wir gemeinsam auftreten und unsere Sichtbarkeit verbessern, erwarten wir für unsere Forschung mehr Ressourcen. Dafür wollen wir Fragen aus der Öffentlichkeit aufgreifen und  ganz pragmatisch interdisziplinär bearbeiten. Wir wollen der Politik und besonders der Industrie Paketlösungen anbieten, die über die Angebote einzelner Institute hinausgehen. Ein erstes `Paketprojekt‘ entwickelt sich bereits positiv.

 

Mertens: In 2009 haben wir rund 20 Millionen Euro an Drittmitteln gewinnen können. Davon allein acht Millionen beim An-Institut für Solarenergieforschung in Hameln/Emmerthal.

2050 nur noch erneuerbare Energien?

KraftwerkForschung.info: Stichwort Öffentlichkeit: Greenpeace veröffentlicht heute eine Studie, dass 2050 in Europa eine Stromversorgung zu 99,5 Prozent aus regenerativen Energien möglich sei.  Das klingt, als ob die Transformation unseres Systems praktisch gelaufen sei. Wie sind Ihre aktuellen Wahrnehmungen?

 

Prof. Mertens: Die Festlegung auf eine Jahreszahl macht solche Prognosen zum Problem. Das Ziel ist klar: Wir müssen die Verbrennung minimieren. Aber unser Energiesystem ist so komplex, dass ich es für vermessen halte, sich heute auf ein einziges Szenario festzulegen.


Prof. Seume: Wir müssen erst einmal die Wandlungsprozesse vorbereiten. Es werden sich im Laufe der Jahre  immer Zwänge für Richtungsänderungen ergeben. Daher muss man sich eine Vielfalt an Möglichkeiten offen halten.

 

KraftwerkForschung.info: Haben Sie Beispiele?

 

Prof. Seume: Ich merke zum Beispiel, dass sich Studenten wie die ganze Gesellschaft trendorientiert verhalten und eher Vorlesungen über Brennstoffzellen besuchen oder sich für das Thema der Kraft-Wärme-Kopplung begeistern.  Aber ich mache Ihnen dann auch klar, dass KWK nicht immer die effizienteste Lösung darstellt. Das provoziert sie. Aber sie erkennen auch, dass optimale Turbinen sowohl in solarthermischen als auch in Kohlekraftwerken benötigt werden und so die Transformation des Systems erst ermöglichen.

 

Prof. Mertens: Energieforschung ist heute wie eine Wanderung über ein weites Feld. Es gibt viele Wege. Wir müssen offen sein für Alternativen. Wir schaffen technische Grundlagen. Wir müssen aber auch deren Umsetzung in der Transformation des Systems bedenken. Wie wirken sich neue Regeln in einem dynamischen sozialökonomischen System aus?

 

Prof. Seume: Ein Beispiel ist die gesetzlich gewollte Trennung der Betreiber von Netzen und Kraftwerken – das Unbundling. Dadurch sind neue Schnittstellen entstanden, die die Stabilität der Versorgung gefährden. Früher unternehmensinterne Größen müssen jetzt extern auf Märkten geregelt werden. Jede politisch gewollte Änderung hat Folgen, die wir technisch bewältigen müssen. Die Transformation unseres Energiesystems über 40 Jahre hinweg ist eine große Gemeinschaftsaufgabe, zu deren Lösung unsere Forschungsinitiative beitragen wird.

Aktuell geförderte Projekte:

Hintergrund zu „Energie 2050“

Die 2010 gegründete Forschungsinitiative „Energie 2050“ der Leibniz Universität Hannover will zur Transformation des Energiesystems in Deutschland beitragen. 40 Institute und An-Institute der Universität haben sich zusammengeschlossen, um Disziplin übergreifend den Wandel zum zukünftigen Energiesystem mitzugestalten.

     Generator-Umrichter-Prüfstand

Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit fördert das Institut für Antriebssysteme und Leistungselektronik der Leibniz Universität Hannover ab 2012 mit vier Millionen Euro. Mit dem Geld soll ein Generator-Umrichter-Prüfstand im Leistungsbereich von einem Megawatt finanziert werden. Dieser dient dazu die Forschung am elektrischen Teil durchzuführen. Der Megawatt-Prüfstand wird als eine der Groß-Versuchseinrichtungen im Testzentrum Tragstrukturen in Marienwerder installiert. Das gesamte Investitionsvolumen des Testzentrums beläuft sich auf etwa 25 Millionen Euro.